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«Wie ich beim Konsumentenbund lernte, mit Kunden umzugehen» – Erinnerungen eines Mitglieds

Geschichten sind miteinander verwoben. So auch die Geschichte von Tildy Schmid mit der des Schweizerischen Konsumentenbundes. Von Anfang an mit dabei, erzählt sie von ihren Erfahrungen und dem, was sie beim SKB lernen konnte. Und wir erzählen, wie der SKB entstand, verschwand und dann wieder ins Leben gerufen wurde. Zwei Geschichten, die sich entlang einer Timeline entfaltet haben.
Frau Tildy Schmid: «leidenschaftliche Lädelifrau»
Es ist 09:00 Uhr morgens, als ich Tildy Schmid für unser gemeinsames Interview anrufe. Es knackt immer wieder in der Leitung, weshalb ich davon ausgehe, dass sie mit einem Festnetztelefon telefoniert. Sie ist fröhlich und beantwortet meine Fragen mit einem Lächeln in ihrer Stimme und ich stelle mir vor, dass ihre Augen während unseres Gesprächs leuchten. Sie erzählt mir von ihrer Karriere, die sie unter anderem zum Schweizerischen Konsumentenbund führte.
Es war das Jahr 1957, als sie sich für die Lehre zur Verkäuferin entschied. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, doch das Geld der Eltern reichte nicht aus, um allen Kindern die gewünschte Karriere zu finanzieren – die Söhne hatten Vorrang. Davon liess sich Tildy aber nicht aufhalten, sie absolvierte ihre Lehre und hängte noch eine fachbezogene Weiterbildung an. Ihre Eltern besassen einen kleinen Dorfladen im Kern von Ins im Kanton Bern und überliessen ihr diesen 1963. Damals handelte es sich noch um 80 Quadratmeter, Tildy schaffte es, diese in ihrer Zeit mehr als zu verdoppeln. Als sie den Laden 1989 schliesslich abgab, betrug die Ladenfläche rund 200 Quadratmeter. Die Frage tut sich auf: Wie hat sie das geschafft?
Tildy Schmid hat Leidenschaft und Interesse, dass merkt man sofort, wenn man mit ihr spricht. Ihre Aufmerksamkeit galt nie nur dem Gewinn, sondern auch der Marktentwicklung. Sie wollte wissen, welche Trends sich abzeichneten und welche Angebote bei den Menschen Anklang finden könnten. Deshalb schloss sie sich bereits 1964, ein Jahr nachdem sie den Laden übernommen hatte, dem Schweizerischen Konsumentenbund an.
Gründung des Schweizerischen Konsumentenbunds
Dieser wurde in ebendiesem Jahr gegründet, wodurch Tildy eine der aller ersten Mitglieder war. Beide standen noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Der Schweizerische Konsumentenbund wurde als Dachorganisation ins Leben gerufen, um Konsumierende in ihrem Alltag zu unterstützen. Zu der Gründung kam es, da die Preise in den 50er und Anfang der 60er Jahre stark anstiegen. Die Konsumentinnen und Konsumenten begannen sich politisch und organisatorisch stärker zu formieren, um ihre Interessen gegenüber der Wirtschaft und dem Staat besser zu vertreten. Daraufhin wurde 1961 das Schweizerische Konsumentenforum kf und 1964 die Stiftung für Konsumentenschutz SKS gegründet. Da jedoch nicht alle beteiligten Akteure gleichberechtigt eingebunden waren, fehlten zusätzliche Perspektiven der Konsumentenschaft. Vor diesem Hintergrund wurde am 23. September 1964 der Schweizerische Konsumentenbund SKB gegründet.
Am 28. September 1964 erschien in der NZZ ein Artikel mit dem Titel ″Gründung eines Schweizerischen Konsumentenbunds″ in dem geschrieben steht: «Zweck des Schweizerischen Konsumentenbundes ist, ausschliesslich die Interessen der Konsumenten als solcher zu vertreten und zu fördern […].» Der SKB versprach parteipolitische Unabhängigkeit zu wahren und konfessionell neutral zu handeln. Frauenorganisationen wie die Fédération romande des consomatrices waren für den SKB ebenfalls von grosser Bedeutung. Lange wurde in der Wirtschaft über Frauen hinweggesehen, wie auch im Schutz von Konsumentinnen und Konsumenten. Dabei wurde allerdings übersehen, dass es hauptsächlich Frauen waren, die die alltäglichen Konsumausgaben tätigten. Der Schweizerische Konsumentenbund griff dieses Missverhältnis auf und holte Frauen aktiv mit an den Tisch.
Verständnis der Kundinnen und Kunden
Für Tildy spielte jedoch ein anderer Aspekt eine entscheidende Rolle. Sie versprach sich von ihrer Mitgliedschaft ein besseres Verständnis des Kundenverhaltens und der Marktentwicklung. Den Überblick über den Markt zu behalten, war früher nicht einfach. Das lag daran, dass die Berichterstattung noch nicht so umfänglich war, wie die heutige. Der SKB teilte damals Broschüren aus, um die Menschen in allerlei Thematiken aufzuklären; so auch zur Marktentwicklung. Tildy wollte Einsicht in andere Unternehmen erhalten, um Trends bereits frühzeitig erkennen und dementsprechend ihr Angebot anpassen zu können. Genau dies ermöglichte der Schweizerische Konsumentenbund. Er bot die Besichtigung anderer Unternehmen an, an denen Tildy teilnahm. Durch die Besuche dieser Unternehmen entstand ein Austausch, der ihr half, Tendenzen und Neuheiten besser einzuordnen. Die Entwicklung von Preisen und aufkeimende Bedürfnisse konnte sie nun bereits frühzeitig erkennen. Sie wusste, was ein Produkt zu kosten hatte und wie sich Preise aller Voraussicht nach entwickeln würden.
So nutzte sie ihre beim SKB erworbenen Kenntnisse im Umgang mit Kunden und zur weiteren Marktentwicklung, um ihren Blick für neue Konsumtrends zu schärfen. Tildy war die erste in ihrem Dorf mit einer Bioabteilung in ihrem Laden. Auch versuchte sie sich an einer Discount-Abteilung in ihrem Keller, was allerdings floppte. Sie erzählt, die Leute im Dorf waren damals noch nicht bereit dafür. Trends aus der Stadt brauchten meist mehr Zeit, bis sie auf Akzeptanz im Dorf stiessen. «Ich probierte zu früh für Ins in einen Trend einzusteigen, der einfach auf dem Land noch nicht angekommen war.» Heute sei dieses Stadt/Dorf-Verhältnis aufgelockerter, da die Vernetzung viel ausgeprägter ist. Früher brauchten Trends ihre Zeit, bis die Menschen vom Land ihre Skepsis verloren.
Um ihrer Leidenschaft für das Unterrichten nachzugehen, absolvierte sie den Lehrmeisterkurs und konnte fortan auch Lehrtöchter ausbilden. Die meiste Zeit über war sie mit drei bis fünf weiteren Personen im Laden, um alle Tätigkeiten abzudecken. Tildy achtete darauf, Mitarbeitende einzustellen, die den Ansprüchen der Kundinnen und Kunden entsprachen. Denn der Dorfladen war mehr als nur eine Verkaufsstelle von Lebensmitteln und weiteren Produkten. Er wurde zum Treffpunkt – einem Ort, an dem Austausch entstand, wo man sich kannte. Die Menschen erzählten sich von ihren Problemen und Anliegen. Man rauschte nicht rein und raus, um den Einkauf möglichst schnell hinter sich zu bringen, sondern hielt mal einen Schwatz hie und da eine Plauderei. Dafür musste auch das Personal geschult werden. Hierbei unterstützte der Konsumentenbund mit seinen Broschüren und Angeboten.
Weitergabe des Ladens und Auflösung des S.K.B.
In dieser Zeit fühlte sich Tildy immer mal wieder überfordert, da sie nur wenig Unterstützung hatte. Die beiden Brüder und ihre Schwestern hatten sich für andere Karrieren entschieden und ihr Mann arbeitete in Bern, weshalb er nur am Wochenende aushelfen konnte. Auch die alten Eltern verdienten Aufmerksamkeit. Private Rückschläge machten ihr es ebenfalls nicht einfacher auf ihrem Weg. 1989 gab Tildy den Laden schliesslich an eine ihrer Mitarbeiterinnen und deren Ehemann ab, blieb aber weiterhin Mitglied des Konsumentenbunds.
Dieser florierte in der Zeitspanne zwischen den 70er und 80er Jahren und war die reichweitenstärkste Konsumentenschutzorganisation in der Schweiz. Besonders bekannt war der SKB zu dieser Zeit unter anderem wegen seines Aufklebers gegen unerwünschte Werbung. Die Karikatur von Andreas Locher wurde zum Kult-Symbol des Schweizerischen Konsumentenbunds. Die Flut an Werbung war dazumal unermesslich. Für Konsumentinnen und Konsumenten war es schwierig, sich eine unabhängige Meinung über die allgegenwärtige Werbung zu bilden. Zusätzliche und alternative Einschätzungen waren nicht ohne weiteres zugänglich, weshalb man im Wesentlichen auf die Ansichten des eigenen Umfelds angewiesen war. Auch hier griff der SKB ein und steuerte – trotz des Missfallens vieler – als neutraler Aufklärer gegen. Er war für alle Markteilnehmenden ein Ansprechpartner. Der Fokus lag auf transparenten Geschäftspraktiken und der Förderung von fairen Wettbewerbsbedingungen. Ab 1990 geriet der SKB in finanzielle Schwierigkeiten. Nachdem der Staat Subventionen umverteilte, musste die ursprüngliche Geschäftsstelle in Bern schliessen. Jedoch gaben die Verantwortlichen des SKB noch immer nicht auf. 2002 folgte dann die endgültige Schliessung. Das Kult-Symbol gegen Werbung blieb weiterhin erhältlich und der Konsumentenbund weiterhin in den Köpfen der Menschen.
Währenddessen blieb der Laden von Tildy für weitere 12 Jahre in der Leitung ihrer Mitarbeiterin, bis er 2001 zu anderen weiterging und schliesslich zu einem Denner-Satellit wurde. 2013 folgte dann aufgrund der Pensionierung der damaligen Geschäftsleitung die Auflösung. Nach einem umfassenden Umbau wandelte sich das einstige Laden-Geschäftshaus zum MediZentrum Ins, mit Spira Physio und Balance-Atelier.
Neue alte Wege
Der Schweizerische Konsumentenbund eröffnete wieder im Jahr 2020. Durch die Hilfe von zweitausend Gönnerinnen und Gönner konnte die Organisation als unabhängiger Schweizer Verein neu lanciert werden. Heute arbeitet ein Team aus Festangestellten und freien Mitarbeitenden von der Geschäftsstelle in Luzern daran, den SKB im digitalen Konsumentenschutz zu positionieren und das Angebot für Privatpersonen und Unternehmen kontinuierlich auszubauen. Auf der Jagd nach seinen Träumen, hat der SKB heute tausende Mitglieder.
Auch Tildy folgte ihren Träumen und erwarb ihr Diplom als Katechetin, um in der Kirchgemeinde Unterweisungsunterricht zu erteilen. Während ihrer dreijährigen etappenhaften Weiterbildung durfte sie die Kinder bereits unterrichten. Besonderes Gefallen fand sie daran, dass sie psychologischen und ethischen Fragen nachgehen konnte, weshalb sie für weitere 15 Jahre in dem Beruf blieb. Das war aber noch lange nicht alles. Es folgte ein Seminar für Erwachsenenbildung und schliesslich der Weiterbildungskurs für Ausbilderinnen und Ausbilder an der Schweizerischen Fachschule für Detailhandel, um Lehrtöchter auf ihren Beruf vorzubereiten. Nebenbei arbeitete sie weiter als freischaffende Journalistin, begleitete Führungen durchs Dorf oder aktuell noch durchs Albert Anker Haus und sammelt seit 2010 mit einer Gruppe Interessierter Objekte und Wissen für ein künftiges Dorfarchiv. Wobei das Präteritum hier nicht ganz angebracht ist, tut sie doch fast alles noch immer.
Noch immer lebt sie preisbewusst und beschriftet ihre eingekauften Produkte mit deren Preisen. Darüber lacht sie und meint «Das ist die Geschäftsfrau in mir, die werde ich wohl nicht mehr los.» Auch fügt sie an, dass die Leute heute dieses Wissen kaum mehr besitzen würden. Sie kaufen und vergessen. Als sie das sagt, muss ich lächeln, da sie bei mir damit absolut ins Schwarze trifft.
Heute ist sie 85 Jahre alt. Noch immer sprüht sie voller Ideen und hat Projekte. «Ach ich habe einfach zu viele Sachen und Interessen», seufzt sie während unseres Interviews. Sie beeindruckt, hat eine Energie, um die sie viele deutlich jüngere beneiden würden. Die Souveränität, die sie sich während ihrer Karriere angeeignet hat, merkt man ihr innert Sekunden an.
Ein Ausblick
Aus der einstigen Organisation, die mit einem einfachen Aufkleber gegen unerwünschte Werbung im Briefkasten Stellung bezog, ist ein Akteur geworden, der sich heute mit der allgegenwärtigen Werbeflut im digitalen Raum auseinandersetzen muss. Die Herausforderungen haben sich verschoben, sind komplexer geworden und zugleich weniger greifbar. Wo früher Papier, Preise und persönliche Verkaufsgespräche im Zentrum standen, prägen heute Algorithmen, Plattformen und datenbasierte Geschäftsmodelle den Konsumalltag. Noch nie war der Schutz von Konsumentinnen und Konsumenten so vielschichtig und dringlich, wie er es heute ist.
Die rasante Entwicklung neuer Technologien, die zunehmende Digitalisierung des Alltags und die wachsende Intransparenz von Märkten verlangen nach Orientierung. Der Konsumentenbund versucht genau das zu bieten. Er will aufklären und vermitteln. Sein Wiederaufbau ab 2015 und die Neulancierung im Jahr 2020 zeigen, dass das Bedürfnis nach unabhängiger Vertretung aller Marktteilnehmer immer noch da ist. Mit hunderten Experten, die Auskunft geben können, hat sich der S.K.B. neu aufgestellt, ohne seinen ursprünglichen Anspruch aus den Augen zu verlieren.
Auch Tildy Schmid hat diesen Anspruch stets verkörpert. Ihr Engagement war nie rein gewinnorientiert. Sie wollte verstehen, um alltagsnah und menschenbezogen zu handeln. Das Wissen, das sie sich aneignete, verwendete sie in Entscheidungen vor Ort. Ob in ihrem Laden, in der Ausbildung junger Menschen oder im Gespräch mit Kundinnen und Kunden. Ihr Weg zeigt, dass es sich lohnt aufmerksam zu bleiben, Entwicklungen früh zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen.
Ende 2025 stieg Tildy Schmid schliesslich aus dem Schweizerischen Konsumentenbund aus. Dafür rief sie an und verabschiedete sich. Vieles habe sich verändert, sagte sie. Und tatsächlich lässt sich ihr Schritt auch als Moment des Innehaltens lesen – als Übergang zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ihr Austritt markiert einen Generationenwechsel. Ihre Geschichte ist Teil der Geschichte des Schweizerischen Konsumentenbundes – und zugleich ein Ausgangspunkt für neue Geschichten. Für Menschen, die heute unter anderen Bedingungen vor ähnliche Fragen stehen: Wie wollen wir konsumieren? Wem können wir vertrauen? Und wie behalten wir in einer zunehmend komplexen Welt den Überblick?
Der Schweizerische Konsumentenbund wird auch künftig Antworten darauf suchen müssen. Und er wird sie nur finden, wenn er wie schon damals, offen bleibt und dazulernt. So wie das Tildy ihr ganzes Leben lang getan hat!



