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Wenn Konsum zur Sucht wird

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Porträt von Moët Jacobivon Moët Jacobi

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Es ist der 10. Juni, als wir uns für das gemeinsame Interview in einem kleinen Café treffen. Er erzählt sehr offen über seine Social-Media-Sucht. Konkreter eine YouTube- und Reddit-Sucht. Acht bis neun Stunden war er täglich online und gefangen in einer Dauerschleife aus YouTube und Reddit. Er schloss die eine App, da sie ihn frustrierte und öffnete Sekunden später die nächste. Heute ist er frei davon und teilt seine Geschichte. Passend zum kommenden Tag von Social Media am 30. Juni habe ich die Meinung einiger Expert:innen zu der Thematik eingeholt.

Die Sucht: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Ich werde ihn Linus nennen, da er gerne anonym bleiben würde. Als ich ihn frage, wie es zu seiner Sucht kam, schaut er mich irritiert an; scheinbar verwirrt, wo er anfangen soll. Dann beginnt er mit seiner Erzählung ganz am Anfang.
In Linus Kindheit gab es sehr klare zeitliche Regeln für Handy, Fernsehen und Film. Zwar trickste er seine Eltern nur zu gerne aus, aber die Zeiten, die er online verbrachte, hatten ihren Rahmen. Als dieser wegfiel, verlor er die Balance.

«Die Betreiber von Social-Media-Plattformen kennen die psychologische Funktionsweise der Menschen gut und nutzen diese aus, um den Konsum auf ihren Plattformen zu steigern», sagt Anina Hanimann, Leiterin der Gesundheitsförderung und Präventionsstelle bei Interface. Weiter führt sie aus, dass Gewohnheiten oft stärker sind als der Wunsch, mit ihnen zu brechen. Häufig würden Menschen kurzfristige Belohnungen wie z.B. Dopaminausschüttung durch Social-Media-Konsum stärker gewichten als langfristige Folgen auf ihre Gesundheit. Bei jungen Leuten ist die Empfänglichkeit noch grösser, da es gerade im Alter zwischen 12 und 25 Jahren um das körperliche Selbstbild, Beziehungen, Liebe, Sexualität und die eigene Identität ginge. Social Media liefert in dieser Zeit potenzielle Antworten zu diesen Themen, was es für junge Menschen besonders attraktiv wirken lässt.

Die Erkenntnis: Asoziale Medien

Von einer Online-Sucht betroffen sind auch Menschen über 25 Jahre. Das macht Domenic Schnoz deutlich, der das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bei Radix leitet. Um den eigenen Konsum besser einzuordnen, nennt er drei Fragen, die man sich stellen kann:

  • Habe ich selbst Kontrolle über den Konsum (wann, wie oft und wie lange)?
  • Vernachlässige ich Dinge (Personen, Hobbys, Arbeit etc.), die mir eigentlich mal wichtig waren, aufgrund meines Konsums?
  • Führe ich den Konsum fort, obwohl ich dadurch negative Auswirkungen auf mein Leben verspüre?

Wenn zwei dieser drei Kriterien auf einen zutreffen, sollte man innehalten und sich gegebenenfalls Hilfe holen. Besser zu früh als zu spät.

Linus stellte seine Sucht nicht etwa durch diese Fragen fest. Die Realisation begann langsam einzusickern, als er merkte, wie unglücklich ihn der Konsum machte. Er schloss eine App, weil sie ihn zu nerven begann und öffnete sie direkt wieder oder wechselte zur nächsten. «Das zu realisieren: Es scheisst mich an, aber ich bin trotzdem auf den Apps. Warum?»

Peter G. Kirchschläger liefert eine Erklärung. Er ist Ethikprofessor an der Universität Luzern sowie Gastprofessor an der ETH Zürich und beschäftigt sich in seiner Forschung mit den „asozialen Medien“. Er nennt die sozialen Medien so, da sie «von Anfang an gezielt gebaut wurden, um Menschen süchtig und abhängig zu machen.» Die Plattformen seien darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden, weil sich damit Geld verdienen lässt. Kirchschläger kritisiert, dass asoziale Medien Menschen unbewusst manipulieren und Polarisierung sowie Radikalisierung fördern. Statt Menschen zu vereinen, würde es eher einen Keil zwischen sie treiben. Man sitzt zwar gemeinsam am Tisch, aber ist doch in unterschiedlichen Welten. Zudem betont er, dass zahlreiche Inhalte menschenrechtswidrig seien und der psychischen sowie körperlichen Gesundheit schaden könnten. Demnach ist eine Sucht gewissermassen von den Plattformen gewollt, wofür Anina Hanimann auf das Konzept „addiction by design“ verweist.

Die Bekämpfung: Steter Tropfen höhlt den Stein

Die Erkenntnis, in einer Dauerschleife gefangen zu sein, war für Linus nur die erste von vielen: Er traf sich nicht mehr mit Leuten, schlief zu wenig und hatte keine «tatsächliche Freizeit» mehr. Sein Unbehagen wuchs vor allem in Bezug auf seine Lehrstelle, für die er weder lernte noch wirklich arbeitete. Auch während der Arbeitszeit ging er online. Er hatte das Bedürfnis, den ganzen Tag im Bett zu liegen und YouTube-Videos zu schauen, obwohl es ihn unglücklich machte. «Irgendwann habe ich mich gefragt: Was mach ich hier eigentlich?» Diese Frage schleppte er daraufhin jahrelang mit sich herum. Vor dreieinhalb Jahren entschied er sich dann, wirklich etwas zu verändern.  
Er beschönigt nicht, wie schwierig der Weg war, der nach seiner Entscheidung folgte. «Es hat mich viel Schweiss und Blut gekostet.» Am Anfang setzte er sich Limits und wollte einen Tag pro Woche auf Social Media verzichten. Die ersten Tage, an denen er sich das vornahm, beschreibt er als pure Hölle. «Ich hatte plötzlich acht Stunden mehr am Tag und was macht man dann?» Immer wieder kam es zu Rückfällen, in denen er stundenlang auf YouTube oder Reddit war.

Eine Präventionsstelle hätte vielleicht helfen können, kam für ihn jedoch nie infrage. Auch heute würde er sich bei einem gröberen Rückfall nicht melden wollen. «Warum?», frage ich und diesmal bin ich es, die irritiert ist. «Weil es so ein simples Problem ist. Es wäre wie ein Eingeständnis, dass ich verloren hätte.» Einerseits gegen die Sucht und andererseits gegen die Milliardenkonzerne hinter den Social-Media-Plattformen.

«Viele schämen sich für eine Sucht», erzählt Schnoz, weshalb sie sich erst spät Hilfe holen würden. Diese anzunehmen, bedeutet nicht, dass man eine Sucht selbst nicht bewältigen könnte. Es kann einen unterstützen, schneller ans Ziel zu gelangen. Und wieso sollte man nur eine Sekunde länger leiden als notwendig? Weder Betroffene noch Angehörige müssen diesen Weg alleine gehen. Man darf sich immer bei entsprechenden Stellen melden. Ohne Scham, ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, das eigene Problem sei „zu simpel“.

Die Überwindung: Digitale Helfer

Das Einzige, von dem Linus Hilfe annahm, war ein Podcast über Spielsucht. Bei den Erzählungen der Betroffenen fühlte er sich angesprochen und verstanden. Das überrascht nicht, da es sich ebenfalls um eine Verhaltenssucht handelt, weshalb ähnliche Muster auftreten können. Schlussendlich war es aber das Lesen, das Linus am meisten geholfen hat. «Die eine Sucht mit einer anderen bekämpfen», sagt er und grinst dabei über beide Backen.             
Die Zeit, die er zuvor online verbracht hatte, musste anderweitig gefüllt werden. Er fing an, sich wieder mehr mit seinen Freunden zu treffen, Aktivitäten zu planen und auch das Studium, das zu dieser Zeit anfing, half ihm sehr.

Sein letzter Rückfall liegt inzwischen schon über ein halbes Jahr zurück. Um das zu erreichen, musste er erkennen, dass er nicht mal in Berührung mit Social Media kommen darf. «Es nur ein bisschen wegzulassen, hat für mich nicht funktioniert.» Denn ihm fehlt die Selbstkontrolle aufzuhören, wenn er erstmal anfängt. Diesen Tipp will er auch anderen Betroffenen geben: Herausfinden, was für einen funktioniert und das strikt einhalten.

Eine weitere Möglichkeit zur Unterstützung der mentalen Gesundheit können digitale Helfer sein. Zu ihnen hat Anina Hanimann geforscht und herausgefunden, wie beliebt sie gerade bei jungen Menschen sind. Digitale Helfer können z.B. Apps, Websites aber auch Online-Spiele sein, die das psychische Wohlbefinden fördern. Man müsse jedoch darauf achten, einen seriösen Anbieter zu wählen. Hanimann empfiehlt deshalb digitale Angebote, die von der öffentlichen Hand mitfinanziert sind. Wie wirksam digitale Helfer sind, sei allerdings noch unzureichend erforscht.

Die Debatte: Altersbeschränkung für Social Media

Ob man Social Media für unter 16-Jährige verbieten soll, ist immer wieder in der Debatte. Peter G. Kirchschläger ist für ein solches Verbot. Asoziale Medien seien als Suchtprodukt konzipiert worden und dementsprechend solle man mit ihnen umgehen. Bei anderen Suchtprodukten wie z.B. Alkohol, Tabak und Glücksspiel würde man Kinder ebenfalls schützen. «Wir würden ja auch nicht Alkohol an Kinder und Jugendliche ausschenken, nur weil dieser Vernetzung, Partizipation und Information fördert. Zu Recht gewichten wir den Schutz von Kindern und hier höher.»

Rahel Estermann, Co-Geschäftsleiterin der Digitalen Gesellschaft, sieht das anders. Sie verweist auf Australien, wo man sehen könne, dass ein solches Verbot nicht funktioniert. Die Altersschranken würden umgangen oder auf unsichere Plattformen ausgewichen. Schnoz sieht dies ähnlich und befürchtet zudem, dass ein Verbot den Reiz der Plattformen erhöhen würde. Ausserdem gibt er zu bedenken, dass ein Verbot dazu führen kann, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr mit erwachsenen Vertrauenspersonen reden, wenn sie beunruhigende Erfahrungen auf Social Media machen und dadurch allein gelassen werden. Linus teilt diese Ansicht: «Die Katze ist aus dem Sack», ein Verbot nicht zielführend. Allerdings ist er für eine Verstaatlichung der Plattformen. «Die Plattformen machen mehr Geld damit, wenn man unglücklich ist. Das kann es nicht sein!»

Kirchschläger hat einen möglichen Lösungsansatz: «Basierend auf meiner Forschung schlage ich vor, dass wir asoziale Medien menschen- und kinderrechtsbasiert national und global regulieren sowie bei der UNO eine Internationale Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) schaffen sollten, um diese globale Regulierung durchzusetzen.» Als Vorbild nennt er die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), die im Bereich von Nukleartechnologien tätig ist. Sie sei die einzige UNO-Agentur, die tatsächliche Durchsetzungsfähigkeit besässe. So etwas bräuchte es auch bei der Regulierung der asozialen Medien.

Domenic Schnoz macht noch auf einen weiteren wichtigen Punkt aufmerksam. Es bräuchte eine Lösung, die sich mit der Frage auseinandersetzt, warum so viele überhaupt süchtig werden. «Es ist nicht nur, weil diese Apps so konstruiert sind, dass sie uns alle süchtig machen. So einfach ist es nicht.» Suchtentwicklungen haben ihren Ursprung häufig in tieferliegenden Problemen. Zum Beispiel psychischen Erkrankungen, Konflikten in der Familie oder soziale Isolation.

Übereinstimmung: Medienkompetenz

In einem Punkt sind sich jedoch alle einig: Es braucht eine gute mediale Schulung, um die Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen zu steigern. Letztere müssen einen gesunden Umgang mit Social Media erlernen, um diesen vermitteln zu können und Kinder müssen bereits früh über Risiken aufgeklärt werden.

Social Media ist trotz allem nicht nur zu verteufeln, sagt Schnoz. Junge Menschen könnten sich dort verbinden, ein Austausch würde ermöglicht – gerade bei Themen, mit denen man sich alleingelassen fühlt – und es liefert die Möglichkeit, Kontakte auf der ganzen Welt zu knüpfen. Linus hatte einen solchen Moment, als er auf einer Reise am anderen Ende der Welt einen Freund traf, den er zuvor nur über das Internet gekannt hatte. Und auch seine Sprachkompetenz rechnet er nicht etwa der Schule an, sondern all den Videos, die er geschaut hat.

Auch wenn es schon viel leichter geworden ist, muss sich Linus jeden Tag aufs Neue für einen bewussten Social-Media-Konsum entscheiden. So wie es Linus erging, ergeht es heute noch immer vielen. Die abschliessende Frage lautet deshalb nicht, ob Social Media gut oder schlecht ist, sondern: Ist mein Social-Media-Konsum gesund?

Domenic Schnoz empfiehlt folgende Plattformen, um sich Hilfe zu holen:
Online-Suchtberatung (anonym) Online-Suchtberatung und Drogenberatung – SafeZone.ch
Suchthilfe in der Nähe findenAdressen der Suchthilfe – suchtindex.ch – infodrog.ch
Bietet für Jugendliche, Lehrpersonen und Eltern Orientierung, Hilfsangebote und Weiterbildungenfeel-ok.ch – Feuer und Flamme für deine Gesundheit
Selbsttest um den eigenen Konsum zu reflektierenSelbsttests – Suchtprävention

Im Interview:

  • Anina Hanimann: Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Fachbereichs Gesundheitsförderung und Prävention bei Interface. Sie unterrichtet an der Universität Luzern sowie an der Hochschule Zürich Gesundheitspolitik.
  • Peter G. Kirchschläger: Ethikprofessor an der Universität Luzern und Gastprofessor an der ETH Zürich
  • Domenic Schnoz: Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte bei RADIX, Experte bei der Suchtprävention Zürich
  • Rahel Estermann: Co-Geschäftsleiterin der Digitalen Gesellschaft
  • Linus: Möchte gerne anonym bleiben

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