Partner & Experten
«Manchmal braucht es keinen grossen Eingriff, sondern den passenden Schlüssel»

In unserer Beitragsreihe stellen wir Unternehmen und Expertinnen und Experten aus dem Netzwerk des Schweizerischen Konsumentenbunds vor – Partner, die für Qualität, Verlässlichkeit und echte Kundennähe stehen. Heute: Verena Stalder-Müller von einfachvera.
Aromatherapie, Heilpflanzenkunde und Glaskunst – eine seltene, aber äusserst wirkungsvolle Kombination. Verena Stalder-Müller, Inhaberin von einfachvera, nutzt diese Elemente, um Menschen in Lebenskrisen und Umbruchphasen wieder handlungsfähig zu machen. Im Interview erklärt sie, warum Düfte der direkteste Zugang zu unseren Emotionen sind, weshalb der unkritische Umgang mit ätherischen Ölen gefährlich sein kann und warum altes Pflanzenwissen wieder Teil unserer Selbstkompetenz werden muss.
Konsumentenbund: Frau Stalder-Müller, Sie verbinden Aromatherapie, Heilpflanzenkunde und Glaskunst. Wie hilft diese Kombination Ihren Kundinnen und Kunden konkret?
Verena Stalder-Müller: Ich verbinde drei Bereiche, die selten zusammen vorkommen: Aromatherapie und Duftkommunikation, Heilpflanzenkunde nach TEN sowie Glaskunst. Der Kern meiner Arbeit ist es, Menschen in Umbruchphasen, nach Verlusten, bei Neuanfängen, in Lebenskrisen, durch gezielte Duftimpulse, bewährte Pflanzenpraktiken und kreative Rituale wieder handlungsfähig zu machen. Was mich unterscheidet: Ich arbeite nicht mit vorgefertigten Programmen, sondern erkenne, was jemand in diesem Moment braucht und setze genau das ein. Mein Hintergrund als Erwachsenenbildnerin SVEB I stellt sicher, dass Wissen nicht nur vermittelt, sondern wirklich verankert wird.
Konsumentenbund: Aromatherapie wird oft mit Wellness gleichgesetzt. Was wird dabei unterschätzt?
Verena Stalder-Müller: Die meisten Menschen denken, Aromatherapie sei Wellness, angenehm, aber nicht wirklich wirksam. Was kaum jemand weiss: Der Geruchssinn ist der einzige Sinn, der nicht über den Verstand gefiltert wird. Ein Duft erreicht das limbische System direkt, also jenen Teil des Gehirns, der für Emotionen und Erinnerungen zuständig ist. Das macht Duft zu einem der schnellsten und direktesten Zugänge zu tief verankerten Gefühlen. In der Duftkommunikation nach Christine Lamontain nutzen wir genau das gezielt und methodisch.
Konsumentenbund: Was war der Auslöser für Sie, sich so intensiv mit Heilpflanzen zu beschäftigen?
Verena Stalder-Müller: Der entscheidende Moment war nicht ein einzelnes Ereignis, sondern eine Erkenntnis, die sich über Jahre aufgebaut hat: Überliefertes Wissen verschwindet nicht, weil es falsch ist, es verschwindet, weil es niemand mehr weitergibt. Als ich anfing, Heilpflanzenkurse zu leiten, merkte ich, wie viele Menschen grundlegende Dinge über Pflanzen, die buchstäblich vor ihrer Haustür wachsen, schlicht nicht mehr wissen. Seither ist mein Antrieb klar: Altes Wissen nutzbar machen, erlebbar machen und so verankern, dass es nicht verloren geht.
Konsumentenbund: Wo sehen Sie den häufigsten Fehler im Umgang mit ätherischen Ölen?
Verena Stalder-Müller: Der häufigste Fehler ist der unkritische Umgang mit ätherischen Ölen. Viele Menschen kaufen günstige Produkte oder Produkte von zweifelhaften Herstellern. Ohne das Wissen, dass Qualität, Reinheit und Dosierung entscheidend sind. Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Vielstoffgemische. Ein Tropfen Pfefferminzöl entspricht etwa 25 Tassen Pfefferminztee. Wer das nicht beachtet, verwendet sie oft unbewusst zu hoch dosiert, auf der Haut unverdünnt oder bei Kindern und Schwangeren ungeprüft. Die einfache Regel: Immer auf etablierte Hersteller aus dem D-A-CH-Raum achten, immer maximal 2%ig verdünnen und sich immer informieren, bevor man ätherische Öle anwendet. Ein weitverbreiteter Irrglauben ist, dass «Gefahren Piktogramme» ein Zeichen von minderwertiger Qualität sind. Sie sind ein Zeichen, dass die entsprechenden Öle in der Schweiz als chemische Stoffe zugelassen wurden und deshalb so gekennzeichnet werden müssen.
Konsumentenbund: Können Sie uns ein Beispiel geben, wie ein Duft in einer Krisensituation helfen kann?
Verena Stalder-Müller: Eine Kursteilnehmerin kam nach dem plötzlichen Tod ihres Partners zu mir – sie beschrieb sich selbst als «wie eingefroren». Im Duftgespräch haben wir zusammen eine Duftkombination gefunden, der sie an schöne, gemeinsame Momente erinnerte. Diese Erinnerung wärmte etwas in ihr, so dass sie wieder Zugang zu sich selbst herstellen konnte. Sie begann regelmässig mit einem einfachen Morgenritual zu arbeiten, das wir gemeinsam entwickelt hatten. Einige Monate später schrieb sie mir: «Ich fühle mich wieder frei. Der Duftstift begleitet mich zwar noch, für den Notfall, wenn mich das Gefühl der Trauer, der Enge wieder einholt, aber meist reicht nur die Gewissheit, dass der Duft bei mir ist und die kalte Gefühle verschwinden augenblicklich. Der ›Duftanker‹ wirkt.» Die Lektion: Manchmal braucht es keinen grossen Eingriff, sondern den passenden Schlüssel.
Konsumentenbund: Welche Tipps geben Sie jemandem, der sich zum ersten Mal mit diesem Thema befasst?
Verena Stalder-Müller: Erstens: Verlasse dich auf deinen eigenen Geruchssinn, nur was deiner Nase auch gefällt, das wirkt optimal. Pauschale Ratschläge anderer mögen bei ihnen wirken oder bestenfalls bei Schmerzen. Was dich anzieht, ist kein Zufall. Zweitens: Fang klein an. Ein einziges Öl, eine einzige Pflanze, ein einziges Ritual verstehen, anwenden und erleben, das ist wertvoller, als zehn und keins davon wirklich begriffen.
Konsumentenbund: Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Kursteilnehmer das Wissen auch wirklich verinnerlichen?
Verena Stalder-Müller: Bei mir kommt man ins Tun. Es wird nicht erklärt und dann wird man mit dem ganzen Input nach Hause entlassen. Es wird erlebt, gerührt, geschnuppert, gefühlt, geschaut und diskutiert. Ich merke sehr schnell, ob jemand gerade wirklich aufnehmen kann oder ob zuerst etwas anderes gebraucht wird. Manchmal ist das eine Pause, eine kurze Meditations- oder Atemübung, manchmal braucht es einen Duft, manchmal einfach das Gefühl, gehört zu werden. Das ist kein Konzept, das ist, wie ich arbeite.
Konsumentenbund: Was tun Sie, wenn die Erwartungen einer Teilnehmerin einmal nicht erfüllt werden?
Verena Stalder-Müller: Missverständnisse entstehen meistens dann, wenn Erwartungen nicht ausgesprochen wurden. Deshalb frage ich zu Beginn jeder Zusammenarbeit sehr konkret ab, was jemand sich erhofft und erläutere was ich leisten kann und was nicht. Wenn trotzdem etwas schiefläuft, spreche ich es direkt an. Einmal hatte eine Teilnehmerin das Gefühl, ein Kurs sei zu fachlich aufgebaut und für sie deshalb schwer verständlich. Ich habe dann das Programm des zweiten Kurstages spontan umgestellt, die Fachwörter ersetzt und komplexe Abläufe vermehrt durch Beispiele erklärt. Sie ist seither Stammkundin.
Konsumentenbund: Gibt es etwas, das Sie über den Kurs hinaus für Ihre Kunden tun?
Verena Stalder-Müller: Ich schicke nach Kursen keine Standardmails. Wer bei mir war und den Newsletter abonniert hat, bekommt gelegentlich eine persönliche Nachricht. Eine Detailaufnahme einer Pflanze, ein Rezept das ich ausprobiert habe, ein Portrait einer Pflanze, eines ätherischen Öls, das gerade zur aktuellen Jahreszeit passt. Kleine Dinge die zeigen: Ich denke an die Menschen und möchte ihr Interesse an den Pflanzen wach halten.
Konsumentenbund: Naturheilkunde und Schulmedizin werden oft als Gegensätze gesehen. Wie stehen Sie dazu?
Verena Stalder-Müller: Naturheilkunde und Schulmedizin werden zu oft als Gegensätze behandelt. Das erachte ich als falsch und es schadet beiden Seiten. Wer bei Herzinfarkt-Verdacht Thymiantee trinkt, ist genauso fehl am Platz, wie der der für jede Erkältung zum Arzt rennt. Meine kontroverse Meinung: Grundlagenwissen über Heilpflanzen und ätherische Öle sollten Pflichtbestandteil der Schulbildung sein, nicht als Alternative zur Medizin, sondern als Selbstkompetenz. Vielleicht könnte man, mit der Zeit, auf diese Weise sogar das Krankensystem entlasten.
Konsumentenbund: Was würden Sie sich von der Politik oder den Behörden wünschen?
Verena Stalder-Müller: Ich würde mir wünschen, dass die Ausbildungen im Bereich Aromatherapie und Phytotherapie schweizweit klarer geregelt und anerkannt werden. Im Moment ist die Qualität dieser Ausbildungen sehr unterschiedlich und Konsumentinnen und Konsumenten haben kaum die Möglichkeit, das zu beurteilen. Eine klare Zertifizierungspflicht mit definierten Mindeststandards und geschützte (Berufs-) Bezeichnungen, würden sowohl die Anbieter schützen, die seriös arbeiten, als auch die Kundschaft.
Konsumentenbund: Wo sehen Sie aktuell die grösste Gefahr in Ihrer Branche?
Verena Stalder-Müller: Der grösste Trend ist gleichzeitig die grösste Gefahr: Die Flut an Gesundheitsinformationen im Internet und in sozialen Medien. Für jeden seriösen Hinweis zu Heilpflanzen gibt es mindestens drei gefährliche Fehlinformationen. Meine Empfehlung an alle: Lernt Quellen zu beurteilen. Fragt nach Belegen, Grundlagen eventuell Studien und misstraut allem, was zu einfach klingt.
Konsumentenbund: Wie wird sich Ihr Fachbereich in den nächsten Jahren verändern?
Verena Stalder-Müller: Ich glaube, dass das Interesse an naturnahen Methoden zur Gesunderhaltung weiter wachsen wird, nicht als Gegenreaktion zur Medizin, sondern weil die Menschen mehr Eigenverantwortung übernehmen wollen und in Zukunft wohl auch müssen. Ärztemangel, Wartelisten und Kostendruck zwingen dazu. Wer sich ein solides Grundwissen über Heilpflanzen, Heilmethoden und ätherische Öle aufbaut, ist langfristig handlungsfähiger.
Konsumentenbund: Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?
Verena Stalder-Müller: Online-Kurse ermöglichen es mir, Menschen zu erreichen, die geografisch weiter entfernt sind. Das ist eine echte Chance. Das Risiko sehe ich darin, dass das Erleben, der Austausch untereinander, das Riechen, Anfassen und gemeinsam Zubereiten, nicht digitalisierbar ist. Wissen kann man online vermitteln, Erfahrung und Gemeinschaftsgefühl nicht. Deshalb werde ich den Präsenzunterricht nie vollständig ersetzen.
Konsumentenbund: Was ist Ihre Vision für die Zukunft?
Verena Stalder-Müller: Eine Welt, in der Menschen ihr Grundwissen über Pflanzen, Düfte und natürliche Heilmittel nicht aus dem Internet zusammenstückeln müssen. Sondern das Wissen von klein auf leben, erleben dürfen. Weitergegeben von Generation zu Generation, wie es früher selbstverständlich war. Ich trage meinen Teil dazu bei.
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Über das Unternehmen:
einfachvera, geführt von Verena Stalder-Müller (Erwachsenenbildnerin SVEB I, Aromatherapeutin, Duftkommunikatorin, Dipl. Phytotherapeutin TEN), bietet Kurse und Begleitung in Aromatherapie, Heilpflanzenkunde und Glaskunst an.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.einfachvera.ch und www.alfima.com/knospenkraft



